Folge 3 der Reihe: „Die kleine Glaskunde für das Lieblingsgetränk“- behandelt das Whisky-Glas „Copita“, seine Herkunft, Aufbau, Funktion und Umgang.

Einmal tief ins Glas schauen - Copita

Wenn es um den Genuss von edlem Whisky geht, richtet sich der Blick meist auf das flüssige Gold selbst, als auch seine Reifung, die Destillerie und die Torfnote. Doch ein ebenso entscheidender Faktor für das sensorische Erlebnis ist das Gefäß, aus dem er getrunken wird. Während der klassische, schwere Tumbler oft das Bild in Hollywood-Filmen prägt, schwören Master Blender und Connaisseure weltweit auf ein filigranes Instrument mit einer jahrhunderte alten Geschichte.


Der Ursprung in den andalusischen Bodegas

Die Wiege des Copita-Glases liegt nicht im nebligen schottischen Hochland, sondern unter der warmen Sonne Andalusiens. Das Glas stammt ursprünglich aus der Region rund um Jerez de la Frontera im Süden Spaniens und ist zugleich die Heimat des weltberühmten Sherrys. Das Wort „Copita“ leitet sich vom spanischen Wort "copa" ab und bedeutet übersetzt „kleines Glas“ oder „Kelch“.


Wer genau die Copita erfunden hat, lässt sich historisch nicht an einer einzelnen Person festmachen. Es existiert kein Patentnehmer aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Vielmehr war das Glas das Ergebnis einer evolutionären Entwicklung durch spanische Kellermeister (Capataces) und lokalen Glasbläsern.

In den andalusischen Bodegas suchte man nach einem optimalen Gebrauchswerkzeug, um die Qualität des reifenden Sherrys direkt aus dem Fass analytisch zu bewerten, ohne die sensorischen Eigenschaften durch äußere Einflüsse zu verfälschen.


Der Sprung über den Ärmelkanal

Der Transfer dieses andalusischen Kulturguts nach Schottland ist eng mit dem Aufstieg des britischen Empires und dem internationalen Weinhandel verknüpft. Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte der Import von spanischem Sherry nach Großbritannien einen beispiellosen Boom. Die feinen verstärkten Weine wurden in großen Eichenfässern, den sogenannten Sherry Butts, per Schiff nach Großbritannien transportiert.


Mit diesen Fässern die später die schottische Whiskyreifung revolutionieren und prägen sollten, kamen nicht nur die aromatischen Hölzer nach Schottland, sondern auch die Bräuche und Werkzeuge der spanischen Händler. Schottische Kaufleute, die den Sherry importierten, erkannten schnell, dass das spanische Tasting-Glas sich ebenso hervorragend für die heimische Spirituose, den schottischen Whisky, eignete.


Das „Dock Glass“: Die Geruchsprobe an den schottischen Kaianlagen

An den geschäftigen schottischen Hafenbecken, wie etwa in Leith bei Edinburgh oder an den Docks von Glasgow, etablierte sich die Copita unter einem neuen, sehr pragmatischen Namen: dem „Dock Glass“ (Hafenglas).


An den Piers wurde das Glas zu einem unverzichtbaren Arbeitswerkzeug für verschiedene Berufsgruppen. Hafenmeister und Zollbeamte mussten die ankommenden Waren verzollen und auf ihre Echtheit überprüfen. Spirituosenhändler und Makler kauften Whisky und Wein oft direkt am Pier auf.

Hier kommt das Stichwort der Geruchsprobe bei der Anlieferung ins Spiel. Wenn Schiffe mit Whisky- oder Sherryladungen anlegten, zog man direkt vor Ort Proben aus den Fässern. Da es im rauen Hafenbetrieb schnell gehen musste und keine Laborausrüstung zur Verfügung stand, verließ man sich ganz auf den Geruchssinn.

Die Prüfer nutzten das Copita-Glas für das sogenannte Nosing. Durch die spezielle Form des Glases reichte eine winzige Menge der Spirituose aus, um durch bloßes Riechen am Glasrand festzustellen, ob die Charge fehlerhaft war, ob der Whisky durch mangelhafte Fässer Schaden genommen hatte oder ob es sich um die vereinbarte Qualität handelte. Erst nach bestandener Geruchsprobe wurde die Ware freigegeben und bezahlt.

Nach ihrer Ära an den Hafendocks wanderte die Copita tiefer ins Landesinnere und direkt in die heiligen Hallen der Destillerien. Bis heute ist sie das offizielle Werkzeug der Master Blender. Koryphäen der Industrie wie Richard Paterson (bekannt für seine Arbeit bei The Dalmore) nutzen für die Kreation von komplexen Blends und die Überprüfung von Single Malts fast ausschließlich maßgeschneiderte Copita-Gläser, da kein anderes Glas Aromen so unbestechlich trennt. Ein lehrreiches wie auch amüsanten Lehrvideo zu Schulungszwecken zeigt Richard Paterson eindrucksvoll den Umgang mit dem Copita-Glas.

 
 
 

Die Geometrie des Genusses: Warum die Copita perfekt funktioniert

Dass die Copita den Sprung vom reinen Arbeitswerkzeug zum Lieblingsglas der Whisky-Elite geschafft hat, liegt an ihrer physikalischen und sensorischen Architektur. In der Fachliteratur wird das Glas oft als das „ultimative Analysewerkzeug“ beschrieben.

Die Tulpenform
Der bauchige Kelch erlaubt es, den Whisky zu schwenken und ihm eine große Oberfläche zur Interaktion mit Sauerstoff zu bieten. Dies setzt die volatilen Aromen frei. Nach oben hin verjüngt sich das Glas. Diese Verjüngung wirkt wie ein Kamin: Sie bündelt die aufsteigenden Ester und führt sie konzentriert direkt zur Nase des Genießers.

 
Der lange Stiel

Der Stiel erfüllt zwei essenzielle Funktionen. Zum einen verhindert er, dass die Körperwärme der Hand den Whisky im Kelch ungewollt erwärmt (was den Alkohol zu schnell verdampfen lassen und die feinen Noten übertönen würde). Zum anderen hält er die Hand des Verkosters – die im Alltag oft Eigengerüche wie Seife, Tabak oder Leder trägt – weit genug von der Nase fern.

 
Der Knopfdeckel

In professionellen Destillerie-Laboren sieht man die Copita selten allein. Häufig wird sie mit einer kleinen runden Glasscheibe oder einem Uhrenglas-Deckel (Tasting Cap) abgedeckt. Dies verhindert, dass die flüchtigen, feinen Aromen entweichen, während der Whisky ruht. Nimmt man den Deckel nach einigen Minuten ab, entlädt sich eine hochkonzentrierte „Aromenbombe“, die selbst feinste Fehlnoten im Whisky sofort offenbart.
 
 
Der Vorläufer des heutigen Glencairn-Glases

Für den modernen Whiskymarkt war die Copita der direkte evolutionäre Vorfahre des heute allgegenwärtigen Glencairn-Glases. Als Raymond Davidson (Gründer von Glencairn Crystal) Ende der 1970er Jahre auffiel, dass Whisky als einzige große Spirituose kein eigenes, genormtes Glas besaß, nahm er die traditionelle schottische Labor-Copita als Vorlage.

Da der lange Stiel der Copita im rauen Alltag von Pubs und Bars jedoch zu leicht brach, schnitt Davidson den Stiel kurzerhand ab und ersetzte ihn durch einen robusten, schweren Kristallfuß. Die funktionale Tulpenform des Kelches übernahm er fast eins zu eins.

Der Artikel wurde mit Hilfe von KI-Technologie entwickelt. Der Autor übernimmt keine Haftung oder Garantie über den Inhalt noch deren Vollständigkeit.

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